Kurz vor acht am Samstagabend steht am Hugenottenplatz ein Mann in langem Umhang, mit Laterne in der Hand und einer Hellebarde über der Schulter. Wer zum ersten Mal vorbeikommt, bleibt stehen. Das ist der Erlanger Nachtwächter, und in den nächsten anderthalb Stunden erzählt er einer Gruppe von Gästen, wie die Stadt nachts war, als es noch keine Straßenlaternen gab und Menschen wie er für Ruhe und Ordnung sorgten.
Was der Nachtwächter erzählt
Der klassische Spaziergang heißt „Allerlei über das alte Erlangen und die Nachtwächterei“ und führt durch die „beiden Erlanger Städte“. Gemeint sind die mittelalterliche Altstadt im Norden und die barocke Neustadt, die ab 1686 für die Hugenotten gebaut wurde. Beide waren lange getrennte Gemeinwesen, und genau an dieser Naht spielt ein guter Teil der Geschichten.
Du hörst, wie der Scharfrichter zu seinem Meisterbrief kam, warum das Schloss 1814 brannte und was das für die Stadt bedeutete, und natürlich alles über das Handwerk selbst: Stunden ausrufen, auf Feuer achten, Betrunkene nach Hause schicken. In Erlangen wurde der Dienst 1869 abgeschafft. Seit 2007 gehen wieder Nachtwächter ihre Runden, allerdings als Stadtführer mit Theaterhandwerk. Der Ton ist humorvoll, das Publikum wird einbezogen, und wer in der ersten Reihe steht, muss damit rechnen, mitspielen zu dürfen.
Das ist keine trockene Geschichtsstunde. Wer jede Jahreszahl braucht, ist bei einer klassischen Stadtführung besser aufgehoben. Wer abends unterhalten werden will und dabei nebenbei viel über die Stadt lernt, ist hier richtig.
Termine, Preise und Treffpunkte
Die öffentlichen Termine liegen fast immer am Samstagabend. Die Gruselführung läuft dagegen einmal im Monat an einem Freitag. Ein Spaziergang dauert jeweils rund 90 Minuten.
| Programm | Wann | Treffpunkt | Preis |
|---|---|---|---|
| Der Klassiker | samstags, Ende März bis Mitte November, 20 Uhr | Kugelbrunnen, Hugenottenplatz | 15 Euro, Kinder bis 14 Jahre 10 Euro |
| Der Klassiker im Winter | samstags, Ende November bis Anfang Januar, 19 Uhr | Kugelbrunnen, Hugenottenplatz | 15 Euro, Kinder bis 14 Jahre 10 Euro |
| Henker, Mörder, arme Sünder | einmal im Monat freitags, etwa April bis Oktober, 20 Uhr | vor der Steinbach Bräu, Vierzigmannstraße 4 | 15 Euro |
| Gruppenführung | Wunschtermin | nach Absprache, meist Hugenottenplatz | 220 Euro bis 17 Personen, jede weitere 13 Euro |
Im Ticketpreis steckt ein kleines Extra: ein Gutschein über einen „europäischen Gulden“, also einen Euro, den du anschließend in der Steinbach Bräu einlösen kannst. Die Brauerei liegt am Rand der Altstadt, und für viele Gäste ist das Bier danach fester Teil des Abends. Die genauen Termine eines Jahres stehen im Spielplan auf der Website des Nachtwächters, aktuelle Zeiten vorab beim Betreiber prüfen.
Henker, Mörder, arme Sünder
Die zweite Führung ist dunkler, im Wortsinn und im Inhalt. Sie beschäftigt sich mit der Gerichtsbarkeit früherer Jahrhunderte: Arme-Sünder-Lieder, der Mord an einem ehemaligen Franziskaner namens Hortig, die Hinrichtung eines „mörderischen Schweins“ und die Frage, wie sich zum Tode Verurteilte freikaufen konnten. Das klingt grausig und ist es stellenweise auch, wird aber mit viel Witz erzählt.
Für Kinder ist diese Tour weniger geeignet. Jugendliche mit Lust auf Schauergeschichten haben dagegen meist ihren Spaß.
Praktisch ist der Treffpunkt: Die Steinbach Bräu, vor der die Tour beginnt, ist zugleich der Ort, an dem du den Gulden-Gutschein einlöst. Wer früh genug da ist, isst vorher dort zu Abend und steht um acht direkt vor der Tür.
Karten kaufen und anreisen
Karten gibt es an der Abendkasse am Treffpunkt, online über die Website des Nachtwächters und in der Tourist-Information in der Goethestraße 21 a. An gewöhnlichen Samstagen reicht die Abendkasse meist. Rund um Weihnachten, an langen Sommerwochenenden und wenn Erlangen wegen Festen voll ist, solltest du lieber vorher kaufen. Gekaufte Karten werden nicht zurückgenommen, ein Umtausch gegen einen anderen Termin ist bis zwei Werktage vorher gegen eine Gebühr möglich.
Der Hugenottenplatz liegt fünf Gehminuten vom Hauptbahnhof. Wer mit dem Auto kommt, parkt im Parkhaus Neuer Markt oder am Großparkplatz hinter dem Bahnhof, Details stehen bei Anreise und Parken. Wer von weiter weg anreist und den Abend nicht mit einer langen Heimfahrt beenden will, findet bei den Unterkünften in Erlangen Hinweise zu Hotels in Gehweite.
Für Gruppen, Familien und Feiern
Für Vereine, Firmen, Geburtstage oder Junggesellenabschiede lässt sich der Nachtwächter zu einem eigenen Termin buchen. Eine Gruppe bis 17 Personen zahlt 220 Euro, jede weitere Person 13 Euro, bei 25 Personen ist Schluss. Den Klassiker und die Kinderführung gibt es für Gruppen auf Anfrage auch auf Englisch und Französisch, was für internationale Gäste von Universität oder Siemens interessant ist. Anfragen laufen über die Telefonnummer 09204 9389986 oder per E-Mail an den Nachtwächter.
Neben dem Nachtwächter selbst gehört eine Nachtwächterin zum Team, die sich mit altem Brauchtum besonders gut auskennt. In manchen Jahren gibt es im Winter deshalb die „Winternächte“ mit fränkischen Bräuchen rund um die Raunächte, die dann nicht für Kinder gedacht sind. Ob sie in diesem Winter stattfinden, steht auf der Website des Nachtwächters.
Den Abend verlängern
Der Spaziergang endet gegen halb zehn, und dann ist Erlangen noch lange nicht müde. Den Gulden-Gutschein löst du in der Steinbach Bräu ein, wo es neben Bier auch fränkisches Essen gibt. Mehr zu Kellern, Brauereien und der Biergeschichte der Stadt liest du unter Bierstadt Erlangen. Wer am nächsten Morgen weitermachen möchte, nimmt sich einen der Rundgänge durch Erlangen vor und sieht die Orte, von denen der Nachtwächter erzählt hat, noch einmal bei Tageslicht.
Und falls du im Frühsommer kommst: Während der Bergkirchweih ist die Stadt abends ohnehin auf den Beinen, nur eben am Burgberg. Am Hugenottenplatz kann es dann überraschend ruhig sein, was dem Nachtwächter und seinen Geschichten gut steht.
Quellen
Stand: August 2026

