Der Turm ist das Erste, was du von der Neustädter Kirche siehst, und meistens auch das Erste, was du von Erlangen siehst, wenn du dich der Innenstadt näherst. Mit 60 Metern ist er der höchste Kirchturm der Stadt. Darunter steht eine barocke lutherische Saalkirche, die seit 1837 als Universitätskirche dient. Für einen Besuch reichen 20 Minuten, wer die Deckenbilder in Ruhe lesen will, braucht länger.
Drei Kirchen für eine neue Stadt
Um die Neustädter Kirche zu verstehen, hilft ein kurzer Blick auf die Erlanger Stadtplanung. Nach 1686 entstand südlich der alten Stadt eine Planstadt für Glaubensflüchtlinge und Zuzügler. Die Hugenotten bekamen ihre reformierte Kirche am Hugenottenplatz. Die deutschsprachigen Lutheraner der Neustadt brauchten ebenfalls ein Gotteshaus, und dafür entstand die Neustädter Kirche.
Zusammen mit der Hugenottenkirche und der Altstädter Kirche bildet sie bis heute ein architektonisches Dreigestirn. Alle drei Türme prägen die Silhouette, und alle drei liegen so nah beieinander, dass du sie an einem Vormittag besuchen kannst.
Eine Baugeschichte über hundert Jahre
Die Arbeiten an der Kirche begannen in den frühen 1720er Jahren, der Grundstein wurde am 19. Juni 1725 gelegt. Den Entwurf lieferte Johann David Räntz, Hofbauinspektor in Bayreuth. Die Bauleitung lag zunächst bei Wenzel Perner, ab 1730 bei Johann Georg Weiß. Die Maurerarbeiten führte Johann Georg Kannhäuser aus.
Geweiht wurde die Kirche vorläufig am 8. Dezember 1737, im Wesentlichen fertig war sie 1744. Der Turm brauchte deutlich länger:
| Bauabschnitt | Jahr |
|---|---|
| Grundsteinlegung | 1725 |
| Vorläufige Weihe | 1737 |
| Kirchenschiff weitgehend fertig | 1744 |
| Obere zwei Turmgeschosse | 1765 |
| Turmhaube und Laterne | 1830 |
| Universitätskirche | ab 1837 |
| Neue Goll-Orgel im historischen Gehäuse | 2005 |
Der Turm hat vier Geschosse, gegliedert mit klassischen Säulenordnungen. Das ist ein Lehrbuchmotiv der Barockarchitektur, das du von unten gut erkennen kannst. Die Haube mit Laterne wurde erst über hundert Jahre nach der Grundsteinlegung aufgesetzt, was man ihr nicht ansieht.
Der Innenraum: Saal, Emporen und Deckenbilder
Innen ist die Neustädter Kirche eine typische lutherische Predigtkirche. Ein großer Saal mit Tonnengewölbe, Emporen an der Nord- und Südseite, alles darauf ausgerichtet, dass möglichst viele Menschen die Predigt hören. Der Grundriss bildet zugleich ein Kreuz. Die Vierung in der Mitte des Schiffs ist im Steinboden mit einem Stern markiert. Stell dich ruhig einmal genau darauf und schau nach oben.
Dort liegt der eigentliche Schatz der Kirche: die Deckengemälde von Christian Leinberger. Sie zeigen biblische Szenen und überziehen das Gewölbe. Wer ein Fernglas oder ein Handy mit guter Zoomfunktion dabeihat, sollte es benutzen, denn viele Details sind von unten kaum zu erkennen. Am meisten siehst du, wenn du dich langsam vom Eingang zur Vierung vorarbeitest und die Bilder der Reihe nach anschaust, statt den Kopf gleich ganz in den Nacken zu legen.
Die Orgel
Musikfreunde kommen wegen der Orgel. Das heutige Instrument baute die Firma Goll aus Luzern 2005. Es steht im restaurierten barocken Prospekt und vereint drei Zeitschichten: Drei Register stammen noch aus der Orgel von 1741, sechs aus den Steinmeyer-Ausbauten von 1910 und 1919, der Rest ist neu. Insgesamt hat die Orgel 45 Register.
Hören kannst du sie bei Gottesdiensten und Konzerten. Die Kirchengemeinde und die Kirchenmusik veröffentlichen ihre Termine laufend. Ein Orgelkonzert in diesem Raum lohnt sich, wenn es zeitlich passt, mehr als jede Besichtigung bei Tageslicht.
Universitätskirche und Universitätsgottesdienst
1837 wurde die Neustädter Kirche zur Universitätskirche der Friedrich-Alexander-Universität. Seitdem finden hier während der Vorlesungszeit alle vierzehn Tage Universitätsgottesdienste statt. Gepredigt wird dabei von Lehrenden der Theologischen Fakultät. Die Gottesdienste sind öffentlich, du musst nicht studieren, um teilzunehmen.
Die Verbindung zur Universität passt räumlich: Das Markgrafenschloss, heute Sitz der Universitätsleitung, liegt nur ein paar Straßen entfernt am Schlossplatz.
Weihnachtsmarkt auf dem Neustädter Kirchenplatz
Im Advent verwandelt sich der Platz vor der Kirche in einen Weihnachtsmarkt. Die Kirche bildet dann die Kulisse, der beleuchtete Turm ist von weit her zu sehen. Termine und Öffnungszeiten ändern sich jedes Jahr, die aktuellen findest du auf der Seite zum Weihnachtsmarkt Erlangen. Tipp: Unter der Woche am frühen Abend ist es deutlich ruhiger als am Wochenende.
Besuch und Anfahrt
Der Kirchenraum kostet keinen Eintritt. Geöffnet ist er, wenn kein Gottesdienst oder Konzert läuft und die Gemeinde die Kirche aufgeschlossen hat. Aktuelle Zeiten vorab beim Betreiber prüfen, also bei der evangelischen Kirchengemeinde der Neustadt.
Die Kirche liegt mitten in der Innenstadt. Vom Hauptbahnhof aus gehst du durch die Fußgängerzone, vom Marktplatz sind es nur wenige Minuten nach Norden. Ein Auto brauchst du nicht, die Parkhäuser der Innenstadt sind aber nah. Zu allen Anreisewegen steht mehr unter Anreise und Parken.
Für einen kleinen Kirchenrundgang bietet sich diese Reihenfolge an: zuerst die Hugenottenkirche nahe dem Bahnhof, dann über den Marktplatz zur Neustädter Kirche, danach weiter nach Norden zur Altstädter Kirche am Martin-Luther-Platz. Wer mehr will, findet ausgearbeitete Routen unter Rundgänge durch Erlangen und weitere Ziele bei den Sehenswürdigkeiten in Erlangen.
Ein letzter Blick lohnt sich von außen: Geh vom Kirchenplatz ein Stück die Straße hinunter und dreh dich um. Erst aus etwas Abstand siehst du, wie die Haube von 1830 auf dem barocken Unterbau sitzt, und du erkennst, warum dieser Turm seit fast zweihundert Jahren der höchste Punkt der Erlanger Innenstadt ist.
Stand: August 2026

