Mit der Hugenottenkirche fängt das barocke Erlangen an. Am 14. Juli 1686 wurde hier der Grundstein gelegt, und um diese Kirche herum entstand Straße für Straße die Neustadt mit ihrem geraden Raster. Wer verstehen will, warum Erlangens Innenstadt so regelmäßig aussieht, sollte hier anfangen. Die Kirche steht am Hugenottenplatz, fünf Minuten vom Hauptbahnhof, und ist von außen jederzeit zu sehen. Weil sie gerade saniert wird, lohnt vor einem Innenbesuch eine kurze Nachfrage bei der Gemeinde.
1686: Flüchtlinge gründen eine Stadt
Im Oktober 1685 widerrief der französische König Ludwig XIV. mit dem Edikt von Fontainebleau die Rechte der Protestanten in Frankreich. Zehntausende Hugenotten verließen daraufhin das Land. Markgraf Christian Ernst von Brandenburg-Bayreuth erließ im November 1685 ein Edikt, das ihnen die Ansiedlung in seinem Gebiet erlaubte. Er hoffte auf Handwerker, Händler und neue Steuerzahler für sein Land, das sich vom Dreißigjährigen Krieg nur langsam erholte.
Am 17. Mai 1686 kamen die ersten sechs Hugenotten in Erlangen an. Insgesamt folgten in mehreren Wellen rund 1.500 Menschen. Für sie ließ der Markgraf südlich der kleinen Altstadt eine völlig neue Stadt planen. Johann Moritz Richter entwarf sie nach strengen geometrischen Regeln, und der erste Bau dieser Planstadt war die Kirche. Im ersten Jahr waren erst etwa 50 der geplanten 200 Häuser fertig.
Die Zahlen zeigen, wie stark die Neuankömmlinge die Stadt prägten: 1698 lebten in der Neustadt rund 1.000 Hugenotten und 317 Deutsche. Ab 1701 hieß die neue Stadt Christian-Erlang, nach ihrem Gründer.
Zeitleiste der Hugenottenkirche
| Jahr | Ereignis |
|---|---|
| 1685 | Edikt von Fontainebleau in Frankreich, Aufnahme-Edikt von Christian Ernst |
| 1686 | Ankunft der ersten Hugenotten am 17. Mai, Grundsteinlegung am 14. Juli |
| 1693 | Weihe der Kirche am 26. Februar |
| 1701 | Die Neustadt erhält den Namen Christian-Erlang |
| 1706 | Großbrand zerstört fast die gesamte Altstadt |
| 1732 bis 1736 | Bau des Turms |
| 1755 bis 1764 | Johann Nikolaus Ritter baut die Orgel |
| 1822 | Ende der Gottesdienste in französischer Sprache |
| ab Herbst 2024 | Generalsanierung, geplant bis 2027 |
Architektur: schlicht mit Absicht
Wer barocken Prunk erwartet, wird überrascht. Die Hugenottenkirche ist ein rechteckiger Saal, klar und hell. Das ist reformierte Theologie in Stein: Im Mittelpunkt steht das Wort, also die Predigt. Deshalb ist die Kanzel so prominent, und statt eines Hochaltars gibt es einen einfachen Abendmahlstisch. Zwölf hölzerne Säulen tragen den Raum, sie stehen für die zwölf Apostel.
Der Turm kam erst Jahrzehnte später dazu, zwischen 1732 und 1736. Er ist heute das Erkennungszeichen des Hugenottenplatzes und von vielen Stellen der Innenstadt aus zu sehen.
Von den drei Glocken stammt eine aus dem Jahr 1702, gegossen von Herold, eine weitere von 1734 von Roth. Beide wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgeholt.
Die Ritter-Orgel
Musikalisch ist die Kirche ein Juwel. Johann Nikolaus Ritter baute die Orgel zwischen 1755 und 1764. Sie ist weitgehend im Originalzustand erhalten und gilt als bedeutendste Barockorgel der Region. Die Gemeinde hat sie restaurieren lassen und betont die beeindruckende Akustik des Raums. Wenn du die Chance auf einen Gottesdienst oder ein Konzert hast, nutze sie: Erst mit Musik zeigt der schlichte Saal, wofür er gebaut ist.
Die Sanierung
Die Kirche ist in die Jahre gekommen. Der Dachstuhl, eine Meisterleistung der Zimmerleute, hat sich über die Zeit um etwa 30 Zentimeter abgesenkt und rund 20 Zentimeter nach außen geschoben. Seit Herbst 2024 läuft deshalb eine Generalsanierung, die bis 2027 dauern soll. Die Kosten liegen bei rund fünf Millionen Euro. Neben dem Dach werden Heizung und Elektrik erneuert, und die Kirche soll barrierefrei werden. Die Gemeinde sammelt dafür auch Spenden.
Für deinen Besuch heißt das: Rechne mit Gerüst und eingeschränktem Zugang. Ob die Kirche zu Gottesdiensten, Führungen oder als offene Kirche zugänglich ist, erfährst du bei der Evangelisch-reformierten Kirchengemeinde. Aktuelle Zeiten vorab bei der Gemeinde prüfen.
Der Hugenottenplatz und die Neustadt
Der Hugenottenplatz ist heute ein belebter Platz der Innenstadt, mit Bushaltestellen, Geschäften und Cafés ringsum. Wenn du dich umschaust, erkennst du das Raster der Planstadt noch gut: gerade Straßen, rechte Winkel, Häuser mit ähnlicher Traufhöhe. Nach dem Großbrand von 1706 wurde sogar die Altstadt nach dem Vorbild dieses Rasters wieder aufgebaut.
Die Geschichte der Hugenotten begegnet dir in Erlangen auch an anderer Stelle. Im Schlossgarten zeigt der große Hugenottenbrunnen von 1706 Flüchtlingsfamilien und den Markgrafen. Das Markgrafenschloss entstand ab 1700, als die Neustadt schon stand.
Praktisch: Anfahrt und Kombination
Vom Hauptbahnhof sind es rund fünf Minuten zu Fuß. Der Platz ist eben, mit Rollstuhl und Kinderwagen gut erreichbar. Für den Außenbesuch reichen zehn Minuten, mit Innenraum und Orgel eher eine halbe Stunde.
Am besten verbindest du die Kirche mit Marktplatz, Schloss und Schlossgarten zu einem Spaziergang von ein bis zwei Stunden. Eine fertige Strecke dafür ist der Hugenotten-Rundgang bei den Rundgängen durch Erlangen. Alle weiteren Ziele der Innenstadt findest du bei den Sehenswürdigkeiten in Erlangen, und wer mit Begleitung unterwegs sein will, schaut bei den Stadtführungen.
Ein Gedanke zum Schluss des Rundgangs: Die Kirche ist älter als fast alles, was du in der Innenstadt siehst. Das Schloss, die Orangerie, der Brunnen im Schlossgarten und die meisten Bürgerhäuser am Marktplatz kamen erst danach. Wer am Hugenottenplatz steht, steht also am Anfang der Geschichte, die der Rest der Neustadt erzählt. Und dass diese Geschichte mit der Aufnahme von Menschen auf der Flucht beginnt, gibt dem schlichten Saal bis heute ein besonderes Gewicht.
Quellen
Stand: Juli 2026

